Zimt zum Blutzucker senken: Was Studien wirklich zeigen
Kann man mit Zimt den Blutzucker senken? Diese Frage taucht in Diabetes-Foren, in Ratgebern und in der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel immer wieder auf. Zimt gehört zu den wenigen Küchengewürzen, zu denen es überhaupt kontrollierte Studien am Menschen gibt, manche davon über 20 Jahre alt.
Die Antwort fällt komplizierter aus als ein einfaches Ja oder Nein. In der Metaanalyse von Allen und Kollegen (2013, 10 Studien, 543 Teilnehmende) lag der Nüchternblutzucker unter Zimt im Mittel rund 24 mg/dl niedriger, im Cochrane-Review 2012 zeigte sich dagegen kein sicherer Effekt. Auf den Langzeitwert HbA1c wirkt Zimt in der Summe der Untersuchungen nicht. Dazu kommt ein Sicherheitsthema, das in Deutschland besonders wichtig ist, nämlich der Cumaringehalt im gewöhnlichen Cassia-Zimt.
Dieser Artikel ordnet ein, was die Studienlage wirklich hergibt, welche Zimtsorte entscheidend ist und für wen Zimt in Kapselform nicht infrage kommt.
Kurz zusammengefasst:
Kurz gesagt: In einzelnen Metaanalysen liegt der Nüchternblutzucker unter Zimt im Mittel rund 24 mg/dl niedriger (Allen et al., 2013), andere Auswertungen wie der Cochrane-Review 2012 finden keinen sicheren Effekt. Auf den Langzeitwert HbA1c wirkt Zimt in keiner großen Auswertung. Als Behandlung für Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes ist Zimt nicht geeignet.
Die Wirkmechanismen sind nicht abschließend geklärt. In den Diskussionsteilen der genannten Metaanalysen werden vor allem Zimtaldehyd und bestimmte Polyphenole genannt, die die Insulinsignalwirkung an den Zellen und kohlenhydratspaltende Enzyme im Darm beeinflussen sollen.
In Labor- und Tierversuchen lässt sich das recht gut zeigen. Beim Menschen ist das Bild deutlich uneinheitlicher. Ein sehr ähnliches Muster, viel Aufmerksamkeit bei dünner Studienlage, zeigt sich bei Apfelessig und Blutzucker.
Die Studienlage ist widersprüchlich und reicht bis in die frühen 2000er Jahre zurück. Der Cochrane-Review 2012 fand keinen sicheren Effekt auf den Nüchternblutzucker, die Metaanalyse von Allen et al. 2013 dagegen einen Rückgang um im Mittel rund 24 mg/dl. Auf den Langzeitwert HbA1c zeigt keine der großen Auswertungen einen Effekt.
Der Auslöser für das breite Interesse an Zimt war eine Studie von Alam Khan und Kollegen, veröffentlicht 2003 in der Fachzeitschrift Diabetes Care. Menschen mit Typ-2-Diabetes nahmen über mehrere Wochen täglich bis zu 6 Gramm Cassia-Zimt ein. Die Autoren berichteten von niedrigeren Nüchternblutzucker- und Blutfettwerten in den Zimtgruppen im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Der Volltext dieser Arbeit ist frei nicht zugänglich, daher wird sie hier nur der Richtung nach wiedergegeben. Wichtig ist der Hinweis des BfR: Verwendet wurde Cassia-Zimt in einer Menge, die aus heutiger Sicht wegen des Cumaringehalts kritisch zu sehen ist.
Aussagekräftiger als Einzelstudien sind Metaanalysen, die mehrere Untersuchungen bündeln. Gerade hier zeigt sich das Problem.
Der rote Faden: Der kurzfristige Nüchternblutzucker sinkt in einigen Auswertungen leicht, in anderen nicht. Der Langzeitwert HbA1c bewegt sich praktisch überall nicht. Die österreichische Cochrane-Vertretung Medizin transparent zieht aus rund 16 Studien mit etwa 1.200 Teilnehmenden das Fazit, dass Zimt den Langzeitblutzucker (HbA1c) von Menschen mit Diabetes wahrscheinlich nicht senkt.
Solange diese Punkte nicht vereinheitlicht sind, bleibt die Aussagekraft begrenzt. Darauf weisen die Autoren der genannten Metaanalysen selbst hin.
Zimt ist in Europa nicht als pflanzliches Arzneimittel gegen Diabetes zugelassen. Das BfR, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und die Deutsche Diabetes Gesellschaft stufen Zimtpräparate übereinstimmend als nicht ausreichend belegt ein. Der gemessene Effekt ist selbst im günstigsten Fall klein gegenüber den etablierten Hebeln bei erhöhtem Blutzucker. Gewichtsabnahme, Bewegung nach dem Essen, eine ballaststoffreiche Ernährung und, wenn nötig, Medikamente wirken nach Einschätzung der Fachgesellschaften deutlich stärker und sind besser untersucht. Ein Überblick, welche natürlichen Wirkstoffe in der Forschung überhaupt eine Rolle spielen, ordnet das Thema weiter ein.
Wer erhöhte Werte hat, sollte diese ärztlich abklären lassen. Woran sich ein gestörter Zuckerstoffwechsel früh erkennen lässt, beschreibt der Artikel Prädiabetes erkennen, und wie sich der Langzeitwert gezielt beeinflussen lässt, steht in HbA1c senken.
Kurz gesagt: Bei Diabetes ist Ceylon-Zimt die bessere Wahl als der übliche Cassia-Zimt. Cassia-Pulver enthält laut Bundesinstitut für Risikobewertung im Mittel rund 3.000 Milligramm Cumarin pro Kilogramm, Ceylon-Zimt höchstens rund 300 Milligramm. Cumarin kann bei empfindlichen Menschen die Leber schädigen. Auf die Blutzuckerwirkung selbst hat die Zimtsorte keinen belegten Einfluss.
Cumarin ist ein natürlicher Aromastoff, der in der Rinde von Cassia-Zimt in hoher Konzentration vorkommt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat dazu eine öffentliche Stellungnahme veröffentlicht. Die Kernaussagen:
Eine kurzzeitige Überschreitung des Richtwerts um das Dreifache über ein bis zwei Wochen gilt laut der im BfR-Bericht zitierten Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) als unbedenklich. Problematisch ist die dauerhafte Aufnahme über Monate, also genau das Muster, das bei einer täglichen Einnahme wegen des Blutzuckers entstehen würde.
Die folgende Übersicht beruht auf den Angaben des BfR und einem angenommenen Cumaringehalt von 3.000 Milligramm pro Kilogramm Cassia-Zimt.
| Person | Tagesmenge Cassia-Zimt, ab der der BfR-Richtwert erreicht ist | Entspricht etwa |
|---|---|---|
| Erwachsener, 60 kg | 2 g | gut ein gestrichener Teelöffel |
| Kleinkind, 15 kg | 0,5 g | eine Prise bis Messerspitze |
Ein gestrichener Teelöffel Zimt wiegt je nach Mahlgrad rund 2 bis 3 Gramm. Bei Cassia-Zimt ist der Richtwert für einen Erwachsenen also schon mit etwa einem Teelöffel täglich erreicht. Bei Ceylon-Zimt spielt der Cumaringehalt bei üblichen Würzmengen keine praktische Rolle.
Bei losem Pulver ist die Sorte oft nicht angegeben. Eine verpflichtende Kennzeichnung der Herkunft von Zimtpulver gibt es bislang nicht. Im Zweifel ist ausdrücklich als Ceylon ausgelobter Zimt die sichere Wahl.
Kurz gesagt: In den Studien wurden meist 1 bis 6 Gramm Zimtpulver oder einige Hundert Milligramm Extrakt pro Tag getestet. Bei Cassia-Zimt schöpfen schon rund 2 Gramm täglich, etwa ein gestrichener Teelöffel, bei einem 60 Kilogramm schweren Erwachsenen den Cumarin-Richtwert des BfR aus. Eine offiziell empfohlene Tagesdosis zur Blutzuckersenkung gibt es nicht; mit cumarinarmem Ceylon-Zimt spielt die Menge beim Würzen keine praktische Rolle.
Die folgende Tabelle zeigt die pro Tag verwendeten Zimtmengen in den wichtigsten Studien und Metaanalysen.
| Quelle | Verwendete Zimtmenge pro Tag | Form |
|---|---|---|
| Khan et al., 2003 | bis zu 6 g | Cassia-Zimt-Pulver |
| Cochrane-Review, 2012 | im Mittel 2 g | überwiegend Cassia-Pulver |
| Allen et al., 2013 | 120 mg bis 6 g | Pulver und Extrakte |
Eine offiziell empfohlene Tagesdosis gibt es nicht, weil es keine anerkannte Wirkung gibt, auf die man sie stützen könnte. Wer Zimt trotzdem bewusst verwenden möchte, kann sich an den Hinweisen des BfR orientieren:
Auch als Kapsel oder Extrakt ist für Zimt kein sicherer Blutzuckereffekt belegt. Verkauft wird das Nahrungsergänzungsmittel in zwei Formen: schlicht gemahlener Zimt in einer Kapsel oder ein wässriger Extrakt aus der Zimtrinde. Der Unterschied ist vor allem beim Cumarin wichtig, denn Cumarin ist kaum wasserlöslich. Ein wässriger Extrakt enthält deshalb nur wenig davon, unabhängig von der Ausgangssorte. Bei verkapseltem Zimtpulver bleibt der Cumaringehalt dagegen erhalten, und das Cumarin wird laut BfR aus der Kapsel fast genauso gut aufgenommen wie aus reinem Pulver.
Zur Wirksamkeit ist die Verbraucherzentrale (2024) deutlich: Eine blutzuckersenkende Wirkung sei für diese Produkte nicht eindeutig belegt, HbA1c und Insulinwerte blieben unter Zimt unverändert. Werbeaussagen zum Blutzucker stützten sich meist auf zugesetzte Stoffe wie Chrom oder Zink, nicht auf den Zimt selbst.
Manche Kombipräparate für den Glukosestoffwechsel enthalten Zimtextrakt neben anderen Pflanzenstoffen. Ein Beispiel ist Glucotex, das einen Extrakt aus Cinnamomum cassia zusammen mit Bittermelone, Gymnema und Maulbeerblatt nutzt. Der Hersteller nennt weder die Zimtmenge pro Kapsel noch, ob es sich um einen cumarinarmen wässrigen Extrakt oder um verkapseltes Pulver handelt. Ein direkter Vergleich mit den Studiendosierungen ist damit nicht möglich, und die verlinkte Einordnung kommt zu keinem positiven Wirksamkeitsurteil. Das ist bei solchen Produkten eher die Regel als die Ausnahme und einer der Gründe, warum sich die allgemeine Studienlage so schwer auf einzelne Präparate übertragen lässt.
Als Gewürz in üblichen Mengen ist Ceylon-Zimt für die meisten Menschen unbedenklich. Vorsicht ist bei höheren Mengen, bei Cassia-Zimt und bei Kapseln geboten. Von Zimtkapseln und größeren Mengen Cassia-Zimt sollten vor allem folgende Gruppen absehen oder vorher ärztlich Rücksprache halten:
Wer zu einer dieser Gruppen gehört, sollte den Einsatz von Zimt in jeder Form über das übliche Würzen hinaus vorher ärztlich abklären.
Zimt ist ein interessanter Studienfall, aber kein Blutzuckersenker, auf den man sich verlassen kann. Ein Teil der Untersuchungen zeigt einen kleinen Effekt auf den Nüchternwert, ein anderer Teil nicht, und der Langzeitwert HbA1c bewegt sich in der Summe nicht.
Wer Zimt mag, kann ihn bedenkenlos verwenden, am besten als Ceylon-Zimt und in den Mengen, die man ohnehin zum Würzen nimmt. Als Ersatz für eine Ernährungsumstellung, für Bewegung oder für eine ärztlich verordnete Therapie taugt er nicht. Deutlich mehr bewirken die Grundlagen für einen stabilen Blutzucker und eine kluge Lebensmittelauswahl, wie sie Ernährung bei hohem Blutzucker beschreibt.
Wer regelmäßig erhöhte Werte misst, sollte das ärztlich abklären lassen, unabhängig davon, ob Zimt auf dem Speiseplan steht.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie erhöhte Blutzuckerwerte haben, blutzuckersenkende Medikamente einnehmen, schwanger sind oder eine Lebererkrankung haben, sprechen Sie über den Einsatz von Zimt oder Zimtpräparaten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie etwas an Ihrer Ernährung oder Ihrer Therapie ändern.
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Quellen und weiterführende Informationen
Gemahlener Zimt aus dem Supermarkt ist fast immer Cassia-Zimt, auch wenn die Packung das oft nicht angibt. Eine verpflichtende Kennzeichnung der Zimtsorte bei losem Pulver gibt es in Deutschland nicht. Wer sicher Ceylon-Zimt möchte, achtet auf die Aufschrift "echter Zimt", "Kaneel" oder "Cinnamomum verum", meist mit Herkunft Sri Lanka, und zahlt spürbar mehr. Cassia-Zimt kostet nur einen Bruchteil, enthält aber deutlich mehr Cumarin.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung nennt einen tolerierbaren Richtwert von 0,1 Milligramm Cumarin pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Bei einem Erwachsenen mit 60 Kilogramm ist dieser Wert schon mit rund 2 Gramm Cassia-Zimt täglich erreicht, das entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel. Bei einem Kleinkind mit 15 Kilogramm reichen dafür schon 0,5 Gramm. Mit cumarinarmem Ceylon-Zimt spielt die Menge bei üblichem Würzen keine praktische Rolle. Eine offiziell empfohlene Tagesdosis zur Blutzuckersenkung gibt es nicht.
Die Verbraucherzentrale kommt zu dem Schluss, dass eine blutzuckersenkende Wirkung für Zimtkapseln nicht eindeutig belegt ist. HbA1c und Insulinwerte bleiben unter der Einnahme unverändert. Werbeaussagen zum Blutzucker beziehen sich häufig auf zugesetzte Stoffe wie Chrom oder Zink, nicht auf den Zimt selbst. Verkapseltes Cassia-Pulver enthält außerdem genauso viel Cumarin wie loses Pulver.
Nein. Zimt ist in Europa nicht als pflanzliches Arzneimittel gegen Diabetes zugelassen. Fachgesellschaften und Behörden bewerten die Datenlage übereinstimmend als zu dünn für eine Empfehlung. Der in Studien gemessene Effekt ist klein und betrifft vor allem den Nüchternwert, nicht den Langzeitwert HbA1c. Wer die Dosis eines Medikaments eigenständig wegen Zimt reduziert, riskiert stark erhöhte Blutzuckerwerte.
Die Verbraucherzentrale rät Schwangeren von Zimtpräparaten ab, da eine sehr hohe Zimtzufuhr mit vorzeitigen Wehen in Verbindung gebracht wird. Gemeint sind Kapseln und hohe Mengen, nicht Zimt als Gewürz im Essen. Für Schwangerschaftsdiabetes gibt es zudem keine belastbaren Studien zu Zimt. Jede Ernährungsmaßnahme sollte in der Schwangerschaft vorher mit der Frauenarztpraxis oder der Diabetologie besprochen werden.
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Über die Autorin
Lisa Bauer
Recherche & Redaktion · GesundheitsKompass
Lisa Bauer recherchiert für GesundheitsKompass die Studienlage zu Blutzucker, Stoffwechsel und Nahrungsergänzungsmitteln. Grundlage jeder Einordnung sind veröffentlichte Studien sowie die Empfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft und des Robert Koch-Instituts. GesundheitsKompass ist unabhängig von Herstellern und gibt keine medizinische Beratung.
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